Mittlerweile ist die Zuckerproduktion und die Zuckerrüben-Kampagne wieder angelaufen. Im Moment werden die Rüben  geerntet und in die Raffinerien verladen. Wenn die Kampagne einmal gestartet ist, sollte sie ohne Unterbrechung laufen. Oft wird bis in den Januar hinein Zucker produziert, und bis dahin soll die Fabrik nicht still stehen.

Hier könnt ihr eine interessante Dokumentation über die professionelle und optimierte Ernte und Zuckerproduktion ansehen. Es ist wirklich beeindruckend, wie sehr auch die Landwirtschaft schon digitalisiert ist.

 

Mehr Rüben als Kartoffeln

Wusstet ihr, dass in Deutschland mehr Zuckerrüben als Kartoffeln angebaut werden?

Zahlen aus 2017
In der letzten Saison wurden auf 403.800 Hektar in Deutschland Zuckerrüben angebaut. Das ist eine deutlich größere Fläche als die Anbaufläche für Kartoffeln: 250 500 Hektar.
2017 wurden 11.700.000 Tonnen Kartoffeln geerntet und 22.537.544 Tonnen Zuckerrüben an die Raffinerien geliefert, aus denen 3.566.206 Tonnen Zucker hergestellt wurden. 99,6 % davon werden in konventionellen Anbauverfahren produziert.

Diese große Menge bedeutet gleichzeitig einen großen Einsatz von Pflanzenschutzmitteln. Denn die heutige Zuckerrübe ist hochgezüchtet und empfindlich. Sie ist eine Grazie, die Mitten in der Natur steht und kaum noch ausreichend Abwehrkräfte hat, um alleine zu überleben. Die Rübe konzentriert sich auf die Zuckerproduktion, und das macht sie auch sehr gut! Ihre Leistung ist beachtlich: Heute liegt ihr Zuckergehalt deutlich höher (bis zu 20%), als noch im 18. Jahrhundert (1,6 %).

 

Die Folgen des Rübenanbaus

Um diese Höchstleistungen zu erbringen, muss die Rübe vom Menschen beschützt werden. Und so wird ihr Wachstum mit Fungiziden, Herbiziden, Insektiziden und Molluskiziden unterstützt.

Schon das Saatgut wird vor der Aussaat gut vorbereitet. Es wird pilliert, das heißt, es wird mit Fungiziden, Düngemitteln und Insektiziden umhüllt. Diese „Pillen“ gibt es in vielen Farben und sie gleichen eher bunten Bonbons als natürlichen Samen. So ausgestattet, kann die Saat und die spätere Zuckerrübe gut und ungestört gedeihen.

Leider sind unter den Stoffe auch die Neonicotinoid-Wirkstoffe Imidacloprid, Chlotianidin und Thiametoxam. Die sind zwar „aufgrund ihrer Schädlichkeit für Bienen in blühenden Kulturen bereits EU-weit verboten. Die Zuckerrübe gilt als ’nicht bienenattraktiv‘, deshalb ist sie von diesem Teilverbot nicht betroffen.“ (Quelle) Da diese Mittel mit den Samen unter der Erde landen, geht man davon aus, dass sie keine Einfluss auf Tiere haben. Leider ist es aber in der Praxis anders, als in der Theorie: Das Saatgut reibt sich bei der Aussaat aneinander, und so können kleine Partikel in die Luft gelangen. Folglich kann der Rübenanbau doch einen Einfluss auf das Insekten- und besonders das Bienensterben haben. Und auch Vögel können durch diese pillierten Samen Schaden nehmen. Gelangen sie nicht unter die Erde, reichen „für einen Spatz schon 1-2 behandelte Samen aus, um eine tödliche Dosis zu erreichen.“ (Quelle)

Es gibt allerdings in dieser Sache gute Nachrichten, denn für die nächste Saison sind die Neonicotinoide jetzt verboten worden. Hoffen wir, dass es dabei bleibt.

Aber auch die anderen Mittel greifen in das natürliche Umfeld ein. Die Insektizide töten Käfer, Fliegen und Würmer, die andere Tiere als Nahrungsquelle nutzen. Noch dazu sind durch die Monokulturen große Flächen für die heimische Tierwelt unnutzbar geworden. Sie finden in unserer optimierten und intensivierten Landwirtschaft kein Futter mehr. Dieser Nahrungsmangel ist ein weiterer Grund für  das große Insekten- und Vogelsterben, das mittlerweile sehr deutlich wird. (Der Stille Frühling)

Ist euch schon einmal aufgefallen, dass wir nach einer langen Autofahrt kaum noch Fliegen von der Windschutzscheibe putzen müssen?

„Der Bestand von blühenden Ackerwildkräutern wie etwa von Mohnblumen oder der Kornrade ist seit den 1950er Jahren um mehr als 90 % zurückgegangen, was gravierende Auswirkungen auf die Nahrungssituation von bestäubenden Insekten hat. Bei den in Deutschland bekannten 550 Wildbienenarten sind über 55 % bestandsgefährdet.“ (Quelle)

Eine Zuckerrübenmiete

 

Ist der Zucker das wert?

Sicher ist nicht alleine der Zuckerrübenanbau für diese Folgen verantwortlich, aber er ist ein Faktor.

Für mich stellt sich die Frage, ob wir wirklich die Folgen für den Anbau eines Produktes, auf das wir eigentlich verzichten könnten, in Kauf nehmen sollten.

Wir sollten sowieso deutlich weniger Zucker essen, und wenn wir uns an die empfohlene Zuckermenge (max 25g/Tag) halten würden, könnten wir mindestens Dreiviertel der Anbaufläche und Pflanzenschutzmitteln einsparen. Und so der Natur eine Chance geben! (Diese Rechnung geht natürlich nicht ganz auf, denn auf den meisten Ackern würden vermutlich andere Monokulturen angebaut werden, aber vielleicht wenigstens wichtigere Gemüse-Sorten.)

Vielleicht kann euch dieser Beitrag dazu bringen, in Zukunft deutlich weniger Zucker zu kaufen. Für mich sind die Folgen des Rübenanbaus – in Hinblick darauf, dass es sich hier eigentlich um ein Luxusartikel handelt – unvertretbar. Niemand braucht Zucker zum Leben, es ist ein Genussmittel, und für diese Produkte kann man gerne 2-3 mal überlegen, ob es wirklich sein muss.

Jeder Einkauf ist auch ein politisches Zeichen. Jedes gekaufte Produkt zeigt, was wir Bürger wollen.

Ein Mittelweg wäre wenigstens der Griff zum Bio-Zucker. Bio ist zwar kaum ein Thema im Zucker-Business, aber es gibt biologisch angebaute Zuckerrüben. Viele standen vielleicht schon im Supermarkt und haben über Bio-Zucker gelächelt. – Aber wie ihr seht, gibt es einen großen Grund dafür: unseren Vögeln und Insekten würde es auf jeden Fall gut tun, wenn die Felder wenigstens biologisch bewirtschaftet werden.

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