Es gibt einige Gründe, die für eine rein körperliche Abhängigkeit vom Zucker sprechen: regelmäßiger Konsum, versteckte Zucker und ein dadurch gestörtes Hormonsystem können dafür sorgen, dass wir regelmäßig wieder zur Schokolade greifen. Ich habe schon einmal über die Gründe der Zuckersucht geschrieben.

Verzichtet man eine Weile auf Zucker, zeigt sich recht schnell, ob die Sucht rein körperlich war. Ich habe oft den Eindruck, dass genau diese Menschen nach ein paar Tagen relativ leicht vom Zucker ablassen können. Anders sieht das bei denen aus, die zusätzlich auch eine emotionale Verbindung zum Zucker aufgebaut haben, und bei denen sich die Gründe auch im mentalen Bereich befinden.

 

Bedürfnisse werden ignoriert

Wir alle kommen auf diese Welt und haben Bedürfnisse, die erfüllt werden müssen. Wir kennen und zeigen sie, aber während wir aufwachsen, werden sie uns geradezu abtrainiert, als nicht wichtig und unerwünscht erklärt. Uns wird beigebracht, stärker zu sein. Das passiert meist schon ab dem KiTa-Alter. Das Bedürfnis nach Schlaf wird oft zu wenig erfüllt, weil wir früh in den Kindergarten oder die Schule müssen, Hunger wird nur zu Essenzeiten nachgegeben, und sogar zur Toilette darf man nur im passenden Moment. Begabungen ausserhalb der Schulfächer werden als Flausen bezeichnet, und Berufswünsche werden nicht nach Talent, sondern nach den besseren Aussichten entschieden. So lernen wir, unseren Bedürfnissen keine Macht mehr zu geben, und trennen uns von ihnen ab. So weit, dass wir am Ende der Schulzeit fast vergessen haben, was wir brauchen und was wir vom Leben wollen. Und so leben wir ein anderes Leben.

 

Die Sehnsucht danach, geliebt zu werden

Das vielleicht grundlegendste Bedürfnis ist der Wunsch danach, geliebt zu werden. Die Zuwendung anderer Menschen nährt uns emotional. Das Verlangen danach ist so fundamental, dass auch diese Nichterfüllung Folgen haben kann, die Auswirkungen auf das ganze Leben haben.

Leider kommt es in unserer hektischen Welt sehr häufig vor, dass dieses Grundbedürfnis der Kinder nicht ausreichend erfüllt werden kann. Sei es dadurch, dass die Eltern zu häufig abgelenkt sind, keine Zeit haben oder ihre Kinder nicht wirklich sehen. Möglicherweise ist ein Elternteil depressiv, überfordert oder es verhält sich abweisend. Schwerwiegendere Gründe können auch Misshandlungen oder ein Missbrauch sein.

In diesen Fällen bekommt das Kind zu wenig von der „emotionalen Nahrung“, und versucht dieses Defizit sein Leben lang zu kompensieren. Eine Wunde bleibt zurück, und es sucht mit einer kindlichen Denkweise nach einer Lösung aus der Misere, einer Beruhigung des Leids oder einem Weg aus dem unerträglichen Zustand. Hier werden Verknüpfungen für Reaktionen geschaffen, die im späteren Leben meist unbewusst ablaufen. Kommt hier Zucker als Trost ins Spiel, entsteht eine starke Verknüpfung – weil es funktioniert. Süßes kann trösten, wenn auch nur kurz.

 

Zuckersucht als Kompensation

Eine der ersten Verknüpfungen in unserem Leben ist das Füttern mit gleichzeitiger persönlicher Zuwendung und Beruhigung. Das Baby wird gestillt – oder es bekommt die Flasche – und wird gleichzeitig umsorgt. Es erfährt Liebe und erhält körperliche und emotionale Nahrung zugleich. Es wird genährt und ernährt.

Unbewusst suchen wir im späteren Leben nach Lösungen, um diesen Zustand der Sicherheit wieder zu erlangen und koppeln an die Verknüpfung der oralen Beruhigung an. Das Unbewusste versucht ein Bedürfnis zu stillen, das momentan nicht anders gestillt werden kann. So kann Trinken, Rauchen oder Essen zu einer Art gefühlten „Selbstumsorgung“ führen, auch wenn es nur eine Krücke ist. Diese vermeintlichen Lösungen werden oft schon mit einem kindlichen Verstand getroffen und im Erwachsenenalter lange weiter verfolgt, ohne jemals hinterfragt zu werden. Zigaretten, Alkohol oder Schokolade helfen, aber sie lösen keinen Missstand auf. Sie sind eine Pseudo-Lösung, die schnell einen fahlen Beigeschmack hinterlässt. Sie puffern das Symptom ab und führen gleichzeitig dazu, dass wir den wahren Grund nicht erkennen können.

 

Die tiefste Ursache für eine Sucht ist für mich die verloren gegangene Fähigkeit, seine eigenen Bedürfnisse zu erkennen und sie sich zu erfüllen. Die „Droge“ ist der Versuch, mit dem Schmerz fertig zu werden, der ausgelöst wird, wenn wir ahnen, dass wir die Verbindung zu unserem Innersten verloren haben.

 

So kann die Zuckersucht, wie jede andere Sucht auch, als Antwort auf ein Trauma aus der Vergangenheit betrachtet werden, die in der Gegenwart eine Möglichkeit bietet, dem Stress zu entfliehen, für den wir noch keinen anderen Weg der Heilung gefunden haben. Wenn aber erkannt wird, was das wahre Bedürfnis hinter der Sucht ist, und wenn es erfüllt wird, braucht es auch keine Sucht bzw. Suchtmittel mehr. Denn das Unbewusste versteht, dass seine kindliche „Lösung“ keine war.

Es wird leichter, diese Wünsche zu erkennen, wenn man sie eine Weile nicht mit Süßigkeiten betäubt – wenn man für ein paar Wochen auf Zucker verzichtet. Während eines Entzugs zeigen sich oft die wahren Bedürfnisse, manchmal so, als ob die Spitze eines Eisberges im Nebel auftaucht, von der man sich zu dem darunter liegenden unerfüllten Bedürfnis vorarbeiten kann.

 

Lösungen

Für mich wurde in der zuckerfreien Zeit immer deutlicher, dass ich eine andere Aufgabe im Leben brauchte. Mein derzeitiger Job war für mich nur noch mit Essen auszuhalten. Nicht, weil es ein unerträglicher Job war, sondern weil es eben nicht der richtige für mich war. Kurze, süße Unterbrechungen haben mich immer wieder von diesem Gedanken abgebracht und das unglückliche Gefühl eine Weile vertrieben. Aber als ich dem Zucker „Adieu!“ gesagt habe, lag die Situation deutlich sichtbar und ausgebreitet vor mir. Ich musste etwas ändern.

Oft sind es aber gar nicht so gravierende Lebensveränderungen. Häufig sind nur kleinere Grenzüberschreitungen die Ursache für den zu hohen Zuckerkonsum. Zu wenig Ruhe, zu viele Punkte auf der ToDo-Liste, ein zu großer Perfektionismus. Wir leben in einer Welt, in der wir immer mehr von uns fordern, eine Welt, die sich immer schneller dreht. Verstehen wir das und halten das Hamsterrad regelmäßig an, verschwindet oft auch die Zuckersucht.

 

 

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